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Fachartikel:

Frühpensionierung - Teil 1

18. Juni 2019

Hanspeter Baumann , dipl. Treuhandexperte, Partner |
Rafael Lötscher , Leiter Fachgruppe Sozialversicherung und Vorsorge, Partner |

Viele ältere Arbeitnehmende möchten sich vorzeitig aus dem Erwerbsleben zurückziehen und den Ruhestand so lange wie möglich geniessen. Worauf bei der Realisierung dieses Wunsches zu achten ist, erfahren Sie in diesem Artikel.

Die Gründe, sich frühzeitig aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, sind so vielfältig wie Menschen sind. Es kann der Wunsch sein, freier zu werden und nicht immer fremdbestimmt und unter Zeitdruck arbeiten zu müssen. Es kann ein unerfreuliches Arbeitsklima, Stress am Arbeitsplatz oder eine Krankheit sein, welche eine Frühpensionierung erfordert. Vielleicht ist es der technische Wandel, welcher schwierig zu bewältigen ist (Stichwort: Digitalisierung). In der Realität gibt es leider auch Entlassungen wenige Jahre vor der ordentlichen Pensionierung.

In diesem Artikel befassen wir uns mit Menschen, welche auf eigenen Wunsch frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden möchten: Frauen, die nicht bis Alter 64 und Männer, die nicht bis Alter 65 berufstätig sein wollen.

 

Das liebe Geld 

Wenn das Projekt «Frühpensionierung» scheitert, dann deshalb, weil die nötigen Mittel fehlen. Eine Frühpensionierung ist sehr teuer und erfordert einen hohen Grad an Organisation und Planung. Wenn Sie sich mit Frühpensionierung beschäftigen, sollten Sie sich von einem Experten oder einer Expertin begleiten lassen.

Die technischen Fragen sind für die meisten Arbeitnehmenden zu komplex, um den Überblick bewahren zu können. Wir begleiten seit vielen Jahren Ratsuchende bei der (Früh)Pensionierung und zeigen dabei auf, welche Optionen zur Verfügung stehen und wie sie mit ihren Mitteln das Optimum erreichen können. Im Folgenden veranschaulichen wir die Konsequenzen einer Frühpensionierung anhand eines einfachen Beispiels: Heinz Muster, ledig, möchte sich mit 62 Jahren frühpensionieren lassen.

 

Wie teuer ist eine Frühpensionierung?

Es gibt eine einfache Faustregel: Anzahl Jahre x Einkommen. Wenn Heinz Muster 100'000 Franken pro Jahr verdient und sich im Alter 62 frühpensionieren lassen möchte, kostet ihn dies 300'000 Franken. Man bezeichnet dies auch als Frühpensionierungslücke. Warum ist das so?

Es leuchtet ein, dass die Kosten weiterlaufen, aber das Erwerbseinkommen fehlt. Oft wird eine wesentliche Einsparung bei den Steuern vermutet. Leider ist diese Vermutung meist nicht zutreffend.

 

Überbückung der Frühpensionierungslücke

Welche Möglichkeiten haben Sie, die Einkommenslücke zu überbrücken?


Vermögensverzehr

Wenn Sie die nötigen Mittel «auf der hohen Kante» haben, ist die Finanzierung der Frühpensionierungslücke kein Problem. Viele Frühpensionierte müssen einen gewissen Vermögensverzehr einplanen, um ihr Vorhaben umzusetzen.


Vorbezug der Pensionskassenrente

Eine Möglichkeit ist der Vorbezug der Pensionskassenrente. Die Rente wird dann lebenslang deutlich tiefer sein als bei Weiterarbeit bis Alter 64/65. Im BVG ist heute grundsätzlich die Möglichkeit vorgesehen, eine Altersrente ab Alter 58 zu beziehen. Massgebend ist jedoch das geltende Pensionskassenreglement. Die Vorsorgeeinrichtungen haben hier einen grossen Spielraum. Wir stellen diesen Punkt weiter unten im Detail dar. Diesbezüglich verweisen wir aber auch auf mögliche Änderungen im Rahmen der geplanten gesetzlichen Anpassungen im Bereich BVG (Altersreform).

Zudem stellt sich die Frage, ob Sie Ihre Vorsorgeleistungen als Kapital oder Rente beziehen wollen. Diese Entscheidung ist von grosser Bedeutung, da sie weit in die Zukunft greift. Diesen Punkt können wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, da dies den Rahmen des Artikels sprengen würde.


Vorbezug der AHV

Männer und Frauen können die Rente ein oder zwei ganze Jahre vor dem ordentlichen AHV-Rentenalter beziehen, eine monatsweise Aufteilung ist nicht möglich. Dabei wird die AHV-Rente um 6,8 Prozent je Vorbezugsjahr (13,6 Prozent für 2 Jahre) gekürzt. Die Kürzung gilt lebenslang. Zu beachten ist hier, dass die AHV-Beitragspflicht als sogenannt «Nichterwerbstätige Person» in jedem Falle - auch bei Vorbezug der AHV-Rente - bis zum ordentlichen Rentenalter bestehen bleibt.


Vorbezug der Säule 3a

Sie können Ihre Mittel in Form eines Kapitalbezugs grundsätzlich maximal fünf Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter beziehen, Frauen also ab Alter 59, Männer ab Alter 60, unabhängig davon, ob die Mittel bei einer Bank oder einer Versicherung angelegt sind. Natürlich sind die Versicherungsbedingungen zu prüfen.


Vorbezug von Freizügigkeitsguthaben

Bestehende Freizügigkeitsguthaben können Sie grundsätzlich in Form eines Kapitalbezugs fünf Jahre vor der ordentlichen Pensionierung beziehen, ungeachtet, ob die Mittel auf einem Freizügigkeitskonto bei einer Bank oder in Form einer Freizügigkeitspolice bei einer Versicherung investiert sind.


Lebensversicherungen

Lebensversicherungen können eine gute Lösung sein. Allerdings wird mit der Versicherung ein fixes Ablaufdatum festgelegt. Bei einer vorzeitigen Vertragsauflösung verlieren Sie unter Umständen viel Geld. Es ist somit zu hoffen, dass der Vertragsablauf nicht auf das ordentliche AHV-Rentenalter, sondern auf den gewünschten Frühpensionierungstermin erfolgt.


Aufstockung der Hypothek

Je nach Zinsumfeld und Höhe der Belehnung Ihrer Liegenschaft kann die Erhöhung einer Hypothek eine weitere Option darstellen. Die Banken gewähren eine Finanzierung nur dann, wenn die kalkulatorischen Kosten für die Immobilie nicht mehr als einen Drittel des Einkommens ausmachen. Das Einkommen nach der Pensionierung wird jedoch deutlich tiefer sein und somit wird auch eine mögliche Finanzierung erschwert. Die Finanzinstitute erstellen dazu eine hypothetische Tragbarkeitsberechnung unter Einbezug eines kalkulatorischen Hypothekarzinses von ca. 5 Prozent.


Überbrückungsrenten

Einige Arbeitgeber lindern die finanziellen Einbussen, welche durch eine Frühpensionierung entstehen, durch Abgangsentschädigungen oder Überbrückungsrenten. Solche Leistungen stehen in der Regel nur Angestellten bei Grossunternehmen und bei der öffentlichen Hand zu. In jedem Falle führt aber auch eine Überbrückungsrente nicht dazu, dass man keine AHV-Beiträge als nichterwerbstätige Person mehr bezahlen muss.

Weiterführende Informationen: «AHV-Beiträge bei Nichterwerbstätigen»

 

Steuern

Entscheidungen sollten nie alleine wegen der Steuern getroffen werden. Allerdings: Die Steuerwirkungen vieler Entscheidungen rund um die Pensionierung und die Altersvorsorge sind von sehr grosser Bedeutung. Eine schlechte bzw. fehlende Steuerplanung kann ohne weiteres zusätzliche und vermeidbare Steuern im Umfang von Zehntausenden Franken kosten.

 

Wie teuer ist der Vorbezug einer Pensionskassenrente?

Viele Ratsuchende können sich die hohen Kosten einer Frühpensionierung nicht vorstellen. Die Renteneinbusse stellen wir anhand eines Szenarios exemplarisch dar. Wir vergleichen die Renten bei einer Frühpensionierung im Alter 62 und der ordentlichen Pensionierung mit 65 Jahren.

 

Rentenberechnung Heinz Muster (überobligatorische Pensionskasse)

Frühpensionierung mit Alter 62

Sparkapital mit Alter 62 in CHF                                                           

Umwandlungssatz in Prozenten1                                          

Jahresrente in CHF                                                                    

 

 

500'000

5,52

27'600

 

Ordentliche Pensionierung mit Alter 65

Sparkapital mit Alter 62 in CHF                                                

PK-Sparbeitrag Arbeitnehmer (AN) pro Jahr                   

PK-Sparbeitrag Arbeitgeber (AG) pro Jahr                      

Sparbeitrag AN und AG für die Periode von 3 Jahren                 

Verzinsung Sparkapital für 3 Jahre (1% pro Jahr ca.)                    

Sparkapital mit Alter 65 in CHF                                                  

Umwandlungssatz in Prozenten2                                             

Jahresrente in CHF                                                         

 

Differenz Jahresrente in CHF                                                         

Differenz Jahresrente in Prozenten                                           

 

500'000

7'950

7'950

47'700

15'000

562'700

6,00

33'762

 

6'162

18,25

 

Dieses Beispiel macht deutlich, dass zwei Faktoren zu dieser Rentenverschlechterung beitragen:

  • Das Sparkapital im Alter 62 ist tiefer, da drei Beitragsjahre und der Zins für drei Jahre fehlen.
  • Der Umwandlungssatz bei Frühpensionierung ist tiefer, da die Rente auf mehr Jahre verteilt werden muss.

Wenn Heinz Muster die BVG-Rente um drei Jahre vorbezieht, muss er - abgesehen von einer allenfalls reduzierten AHV-Rente - eine BVG-Renteneinbusse von jährlich 18,25 Prozent akzeptieren und zwar ein Leben lang. Dies, obwohl drei Jahre eine vergleichsweise geringe Zeitspanne im Vergleich mit seinem langen Arbeitsleben darstellt.

Den zweiten Teil dieses Artikels publizieren wir Ende September 2019.

 

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[1] Der Umwandlungssatz gibt an, wie ein Sparkapital in eine Rente umzuwandeln ist. Je höher der Satz, desto höher die Rente. Die Umwandlungssätze sind seit Jahren auf Talfahrt. Jede Vorsorgeeinrichtung bestimmt die eigenen Umwandlungssätze, sofern sie mehr als das BVG-Obligatorium abdeckt. Die Pensionskasse von Herrn Muster gewährt vergleichsweise günstige Konditionen. Es gibt Pensionskassen, die deutlich tiefere Umwandlungssätze zur Anwendung bringen.

[2] Was wir in diesem Rechenbeispiel nicht berücksichtigt haben, um die Komplexität nicht weiter zu erhöhen, sind die ständig sinkenden Umwandlungssätze. Diese sinken in der Regel um ca. 0.2 Prozentpunkte pro Jahr. Natürlich ist im Einzelfall der Zeitverlauf zu berücksichtigen.